Lebererkrankungen entwickeln sich zunehmend zu einem der grössten Gesundheitsprobleme Europas. Laut der aktuellen Analyse der «EASL–Lancet Commission» sterben jährlich rund 284’000 Menschen an Leberzirrhose oder Leberkrebs. Besonders deutlich wird dies am Anstieg der Leberkrebssterblichkeit um mehr als 50 Prozent seit dem Jahr 2000. Gleichzeitig gehören Lebererkrankungen zu den wenigen nichtübertragbaren Krankheiten, deren Häufigkeit weiter zunimmt, im Gegensatz etwa zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder vielen Krebsarten.
Auch wirtschaftlich ist die Belastung erheblich. Lebererkrankungen kosten die Volkswirtschaften Europas jährlich rund 55 Milliarden Euro, unter anderem durch vorzeitige Todesfälle, verminderte Arbeitsfähigkeit und steigende Gesundheitsausgaben.
Gründe für die zunehmende Krankheitslast
Die Analyse macht deutlich, dass die steigende Belastung eng mit weit verbreiteten Risikofaktoren verknüpft ist. Dazu zählen insbesondere Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Übergewicht sowie Virusinfektionen wie Hepatitis B und C. Diese Faktoren treten häufig gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig.
Darüber hinaus beeinflussen auch gesellschaftliche und strukturelle Rahmenbedingungen die Entwicklung, etwa die breite Verfügbarkeit und Vermarktung von Alkohol und stark verarbeiteten Lebensmitteln sowie ungleiche Zugänge zu Prävention, Früherkennung und Behandlung. Ein grosser Teil der Krankheitslast wäre vermeidbar, wenn diese Risikofaktoren konsequent reduziert würden.
Konsequenzen für Prävention und Versorgung
Vor diesem Hintergrund fordern die Autor:innen ein Umdenken in Prävention und Versorgung. Lebererkrankungen sollen stärker in bestehende Strategien gegen nichtübertragbare Krankheiten integriert werden. Im Zentrum stehen eine frühzeitige Erkennung, koordinierte Versorgungsmodelle sowie Massnahmen zur Reduktion zentraler Risikofaktoren. Dazu gehören unter anderem strengere Regulierungen im Bereich Alkohol und ungesunder Ernährung, verbesserte Screening Programme sowie ein niederschwelliger Zugang zu Prävention und Behandlung, speziell für besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen.
Einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Analyse leistete Prof. Dr. med. Annalisa Berzigotti, Chefärztin und Klinikdirektorin Hepatologie an der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin am Inselspital. Als Working Group Leader war sie massgeblich an der «EASL–Lancet Commission» beteiligt, einem internationalen Expertengremium, das während mehr als zwei Jahren die Datenlage zur Lebergesundheit in Europa ausgewertet und den Bericht verfasst hat.
Prof. Berzigotti fasst die Resultate zusammen: «Lebererkrankungen gehören zu den wenigen grossen Volkskrankheiten, deren Belastung weiterhin zunimmt. Wir wissen heute, welche Faktoren diese Entwicklung antreiben, und wir verfügen über wirksame Ansätze zur Prävention und Früherkennung.» Sie ergänzt: «Entscheidend ist nun, diese Erkenntnisse konsequent umzusetzen, in der medizinischen Versorgung ebenso wie in der Gesundheitspolitik. Dazu gehören auch Massnahmen zur Reduktion von Stigmatisierung sowie eine stärkere und einheitlichere Ausbildung von Fachpersonen im Bereich Hepatologie.»
Lebererkrankungen auch in der Schweiz verbreitet
Auch in der Schweiz sind schätzungsweise 2 bis 3 Millionen Menschen von einer Lebererkrankung betroffen, häufig ohne Diagnose. Damit stellen sie auch hier eine wachsende Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Ohne konsequente Prävention und eine stärkere Früherkennung ist davon auszugehen, dass die Krankheitslast in den kommenden Jahren weiter zunimmt.
Publikation
EASL–Lancet Commission: From Evidence to Impact: Implementing Sustainable Liver Health in Europe. The Lancet, April 2026. doi.org/10.1016/S0140-6736(26)00138-8. Online ahead of print.
Expertin
Prof. Dr. med. Annalisa Berzigotti, Chefärztin und Klinikdirektorin Hepatologie, Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin, Inselspital, Universitätsspital Bern und Universität Bern

