Langzeitstudie zeigt: Nach chronischer Blutung zwischen Gehirn und Schädeldecke bleibt Sterblichkeit erhöht

Nach einer einfachen Operation eines chronischen Subduralhämatoms, einer chronischen Blutung zwischen Gehirn und Schädeldecke, erholen sich viele der vorwiegend älteren Patient:innen zunächst gut. Eine Langzeitstudie des Inselspitals, Universitätsspital Bern und der Universität Bern zeigt nun, dass die Sterblichkeit der Betroffenen auch Jahre später erhöht bleibt: Nach zehn Jahren lebten noch 55,5 Prozent der Operierten, gegenüber 73,5 Prozent in der Schweizer Allgemeinbevölkerung. Zudem berichten viele Langzeitüberlebende über anhaltende Einschränkungen in kognitiven und alltagsrelevanten Funktionsbereichen.

Nach einem Sturz oder einer leichten Kopfverletzung kann es zu einer chronischen Blutansammlung zwischen Gehirn und Schädeldecke kommen. Diese Erkrankung wird als «chronisches Subduralhämatom» bezeichnet und zählt zu den häufigsten neurochirurgischen Erkrankungen älterer Menschen. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Häufigkeit dieser Erkrankung deutlich zugenommen. Mit der alternden Bevölkerung und der zunehmenden Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten dürfte sich diese Entwicklung weiter verstärken.

Langfristige Folgen bisher wenig beachtet
Die operative Behandlung des chronischen Subduralhämatoms erfolgt mit einer einfachen und kurzen Operation zur Entlastung. Die Operation ist in der Regel sehr wirksam und sicher und der Grossteil der Patient:innen erholt sich zunächst gut. Eine neue Langzeitstudie der Universitätsklinik für Neurochirurgie am Inselspital Bern zeigt nun jedoch, dass diese Erkrankung weit über die akute Behandlung hinaus Bedeutung hat. Die Forschenden untersuchten 359 Patient:innen, die zwischen 2012 und 2016 operiert worden waren und verfolgten ihren Gesundheitsverlauf über rund zehn Jahre. Dabei verglichen sie die Ergebnisse mit Daten der Schweizer Allgemeinbevölkerung.

Es zeigte sich, dass die Sterblichkeit in der Patientengruppe über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg erhöht blieb. Zehn Jahre nach der Operation lebten noch 55,5 Prozent der Betroffenen, verglichen mit 73,5 Prozent in der vergleichbaren Allgemeinbevölkerung. Die Überlebensraten liegen damit deutlich unter jenen der Allgemeinbevölkerung, was die klinische Relevanz unterstreicht. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass das chronische Subduralhämatom über die akute Behandlung hinaus mit einem langfristig erhöhten gesundheitlichen Risiko verbunden sein kann», sagt PD Dr. med. Johannes Goldberg, Letztautor der Studie und Oberarzt in der Klinik für Neurochirurgie am Inselspital.

Einschränkungen trotz insgesamt erhaltener Lebensqualität
Neben der Sterblichkeit untersuchten die Forschenden auch die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Langzeitüberlebenden. Dabei ergab sich ein differenziertes Bild: Die globale Lebensqualität an sich war insgesamt vergleichbar mit alters- und geschlechtsgewichteten europäischen Referenzwerten. Gleichzeitig berichteten viele Patient:innen jedoch über anhaltende Einschränkungen in kognitiven Funktionen wie Gedächtnis und Konzentration sowie Schwierigkeiten, alltägliche Aufgaben selbstständig zu bewältigen und am sozialen Leben teilzunehmen. Solche Einschränkungen werden im klinischen Alltag nicht immer systematisch erfasst, können die Lebensführung jedoch deutlich beeinflussen. «Auch wenn sich viele Patientinnen und Patienten zunächst gut erholen, bestehen oft langfristige Einschränkungen in zentralen Bereichen der Lebensqualität, die im Alltag spürbar bleiben. Ein Umstand der bisher noch nie untersucht wurde und daher nicht bekannt war», erklärt Dr. med. Thomas Petutschnigg, Erstautor der Studie und Assistenzarzt an der Universitätsklinik für Neurochirurgie.

Mehr als ein chirurgisches Problem
Die Ergebnisse legen nahe, dass das chronische Subduralhämatom mehr als ein kurzfristiges neurochirurgisches Problem ist, sondern ein Marker einer insgesamt erhöhten gesundheitliche Vulnerabilität sein könnte - etwa aufgrund von Alter, Begleiterkrankungen oder einer erhöhten Sturzanfälligkeit. Für die klinische Praxis bedeutet das, dass die Behandlung nicht mit der Operation abgeschlossen ist. Entscheidend ist vielmehr eine langfristige, interdisziplinäre Betreuung unter Einbezug der Hausärzt:innen. «Für diese Patientinnen und Patienten braucht es eine langfristige, interdisziplinäre Begleitung», ergänzt Johannes Goldberg. «Eine strukturierte Nachsorge kann helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und die Selbstständigkeit möglichst lange zu bewahren.»

Mit einer älter werdenden Bevölkerung dürfte die Zahl der Betroffenen in den kommenden Jahren weiter steigen. Die Studie liefert wichtige Hinweise dafür, wie die Versorgung dieser Patient:innen künftig weiterentwickelt werden sollte. Neben der chirurgischen Behandlung gewinnen dabei insbesondere rehabilitative und präventive Ansätze an Bedeutung, um langfristige Einschränkungen zu verringern und die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.

Link
Universitätsklinik für Neurochirurgie

Publikation
Petutschnigg T. et al. Long-Term Mortality, Cognition, and Quality of Life After Chronic Subdural Hematoma Surgery. JAMA Neurology, 2026. Online ahead of print.
Doi: 10.1001/jamaneurol.2026.0656

Experten
PD Dr. med. Johannes Goldberg, Oberarzt Universitätsklinik für Neurochirurgie, Inselspital, Universitätsspital Bern und Universität Bern

Dr. med. Thomas Petutschnigg, Assistenzarzt, Universitätsklinik für Neurochirurgie, Inselspital, Universitätsspital Bern und Universität Bern

Prof. Dr. med. Philippe Schucht, Stv. Chefarzt Universitätsklinik für Neurochirurgie, Inselspital, Universitätsspital Bern und Universität Bern

Prof. Dr. med. Andreas Raabe, Klinikdirektor und Chefarzt, Universitätsklinik für Neurochirurgie, Inselspital, Universitätsspital Bern und Universität Bern

Das chronische Subduralhämatom zählt zu den häufigsten neurochirurgischen Erkrankungen älterer Menschen. © Neurochirurgie | Inselspital